Weiterbildungsateliers für eine diversitätsorientierte und heterogenitätssensible Lehr- und Lernpraxis an Hochschulen
Zum Vorgängerprojekt: Heterogenität und Hochschullehre (2017–2021)
Vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen, technologischer Veränderungen in der Arbeitswelt, der zunehmenden Internationalisierung sowie weltweiter Migrationsbewegungen (an)erkennen Hochschulen unterschiedliche Bildungsbiografien, diverse Lebenssituationen und plurale Lebensbedingungen ihrer Studierenden und Mitarbeitenden zunehmend als neue Normalität. Diese neuen Diversitäten stellen eine auf Chancengerechtigkeit und Inklusion zielende Hochschullehre vor anspruchsvolle Herausforderungen, denn wo Einschlüsse beabsichtigt werden, stellt sich die Gefahr neuer Exklusionen.
Die Formel «Doing Diversity!» hat in diesem Projekt eine dreifache Konnotation: Versteht man Vielfalt als gegebene Normalität, dann heisst «Doing Diversity!», dass die Hochschulen aufgefordert sind, ihre Studienbedingungen und -strukturen zu diversifizieren. An die Stelle von Massnahmen für Minderheiten tritt das Prinzip Vervielfältigung von Möglichkeiten.
Zweitens will «Doing Diversity!» die vielfältige Forderung von Aktivist:innen «Nicht ohne uns über uns» berücksichtigen: Bei der Initiierung von Veränderungen versuchen wir, Akteur*innen der Big6 (Alter, Geschlecht, Disability, Race, Religion, sexuelle Orientierung) miteinzubeziehen – und dies als Co-Expert*innen (siehe Publikation Unterbrechen! Durcheinanderbringen! Stören!).
Drittens bedeutet Doing Diversity in diesem Projekt, dass die Entwicklung der Hochschullehre die Vielfalt der Hochschulen der FHNW berücksichtigt.
Das im Rahmen des Aktionsplans Diversity FHNW 2021–2024 realisierte hochschulübergreifende Projekt «Doing Diversity!» fokussiert in seiner Umsetzung auf «inklusive Hochschullehre». Im Zentrum dieses Projekts stehen sogenannte Weiterbildungssateliers, in denen mithilfe hochschuldidaktischer und kunstvermittelnder Praxen Handlungsmöglichkeiten für eine diversitätsorientierte und heterogenitätssensible Lehr- und Lernpraxis an der Hochschule entwickelt werden. Statt Defizite zu fokussieren und von einer Anpassungsnotwendigkeit der Minderheiten auszugehen, werden die Möglichkeiten und Potentiale aller Beteiligten für eine methodisch und inhaltlich anspruchsvolle, diverse, kreative und agile diversityorientierte und heterogenitätssensible Hochschullehre entwickelt.
«Doing Diversity!» beginnt nach diesem Projektdesign in Reflexionsgefässen mit der Analyse der Hochschullehre aus Diversitätsperspektive. Die Hochschullehrenden setzen sich mit Fragen von sozialen und kulturellen Machtverhältnissen, Zuschreibungen und normativen Setzungen gegenüber «Anderen» auseinander, die auch in der Hochschullehre zu Phänomenen von Ein- und Ausgrenzungen führen können. Die Erkenntnisse dieser Entwicklungsarbeit eröffnen neue Artikulationsformen und Handlungsoptionen im Umgang mit sozialer und kultureller Diversität auf mindestens drei Ebenen der Lehr- und Lernpraxis an der Hochschule:
1. Makrodidaktische Ebene
Die inklusive Kultur des Lehrens und Lernens zeigt sich im offenen Zugang für und Wettbewerb um Talente, der Akquise vielfältiger Studienanfänger*innen, der Erweiterung der Studierbarkeit und der Öffnung von Zugangsmöglichkeiten zur Hochschule.
2. Mesodidaktische Ebene
Die inklusive Kultur des Lehrens und Lernens zeigt sich in der Diversifizierung von Studienstrukturen, der heterogenitätssensiblen Studiengangsorganisation sowie der inhaltlich diversitätsbewussten Gestaltung von Curricula.
3. Mikrodidaktische Ebene
Die inklusive Kultur des Lehrens und Lernens zeigt sich in der Verringerung der Studienabbruchquote und weiterer Barrieren, resp. in der Erhöhung von Chancen für eine inklusive, ressourcenorientierte Gestaltung von Lehr- und Lernveranstaltungen.
Die Anerkennung sozialer und kultureller Vielfalt vollzieht mit dem «shift from teaching to learning» (Wildt 2007) einen Perspektivwechsel von einer Inhalts- und Dozierendenorientierung hin zu einer Kompetenz- und Studierendenzentrierung. Anstelle von Massnahmen für Minderheiten wird für die FHNW und ihre Hochschulen ein Mehrwert auf mikro-, meso- und makrodidaktischer Ebene erzeugt.
Aufbauend auf den Erfahrungen und Erkenntnissen des erfolgreich umgesetzten Projekts «Heterogenität und Hochschullehre» (Aktionsplan Chancengleichheit FHNW 2017-2020), das als Ziel die Entwicklung eines gemeinsamen Weiterbildungsangebotes für alle Hochschulen der FHNW auf der Basis einer «Critical Diversity Literacy» verfolgte, verschiebt sich der Schwerpunkt des vorliegenden weiterführenden Projekts auf die Berücksichtigung der Vielfalt und Heterogenität der Fachkulturen an der FHNW.
Das Projekt zielt einerseits auf die Stärkung von Diversity-Kompetenz im Bereich der Hoch- schullehre und auf die Sensibilisierung für Diversity als Element der FHNW-Kultur. Es zielt gleichzeitig auch auf den Abbau von Barrieren und die Entwicklung, Durchführung und Evaluation von diversitätsorientierten Interventionen entlang der disziplinären, fachkulturellen, strukturellen und inhaltlichen Besonderheiten der beteiligten Hochschulen.
In den Weiterbildungsateliers wird – unter Einbezug interdisziplinärer Perspektiven – eine Toolbox zum Thema Diversity entwickelt, die eine inklusive Lehr- und Lernpraxis befördert. Den Hochschulen werden auf diese Weise Instrumente zur Verfügung gestellt, die es ihnen ermöglichen, dezentral, fachkulturspezifisch und kontextbezogen Weiterbildungsaktivitäten entlang der je spezifischen Bedarfe vor Ort auf Dauer zu stellen. Bei dieser fachkulturspezifischen Umsetzung werden sie von Expert*innen der Professur Erwachsenenbildung und Weiterbildung beraten. Zu dem breiten Spektrum möglicher Interventionen zählen beispielsweise agile Lernformen und andere niedrigschwellige Angebote, Lehrhospitationen, Video-Tutorials resp. Podcasts sowie flexibilisierte Lehr- und Prüfungsformen. Damit wird eine diversitätsorientierte und heterogenitätssensible Hochschullehre bottom up entwickelt, langfristig verankert und substantiell gestärkt. Dabei wird die Autonomie der Hochschulen nicht nur gewahrt, sondern die Vielfalt der Fachkulturen wird über spezifische Weiterbildungsaktivitäten, ggf. unter Einbezug der Studierenden, einbezogen.
Hier geht es zu den Weiterbildungsateliers, in denen verschiedene Umsetzungen erprobt und realisiert wurden: Ateliers