Zugänge zu CDL durch Kulturvermittlung (2019)

Im Rahmen des studiengangübergreifenden Seminarangebots «Kulturvermittlung und Theaterpädagogik» fand im Oktober 2019 am Campus Brugg-Windisch zum zweiten Mal das Kolloquium «Zugänge zu Critical Diversity Literacy durch Kulturvermittlung» statt.

Wie lassen sich Normen und Selbstverständlichkeiten im Umfeld der Schule kritisch hinterfragen? Wie begegnen wir alltäglichen Differenzen und den dahinterliegenden Unterscheidungskategorien? Diese Fragen beschäftigten die rund fünfzig Studierenden des dreisemestrigen Modulzyklus «Kulturvermittlung und Theaterpädagogik» am 5. Oktober in Brugg-Windisch. Ziel des Kolloquiums war es, mittels künstlerisch orientierter Workshops unseren Umgang mit Verschiedenheit im Kontext von Studium und Schule zu reflektieren und anzureichern. Nach einem Impulsreferat von Nina Mühlemann und vier praxisbezogenen Workshops, in denen verschiedene Spannungsfelder sozialer Diversität interaktiv bearbeitet wurden, mündete das Kolloquium in kleine Reflexionsrunden und einen zusammenführenden Kommentar von einem «Auge von Aussen».

Impulsreferat

Im Zentrum von Nina Mühlemanns einleitendem Impulsreferat «Aus zugewiesenen Räumen ausbrechen: Zugang als Ästhetik in den Disability Arts» steht die Frage: Was passiert, wenn darstellende Kunst nicht von der normativen Vorstellung eines nichtbehinderten Publikums ausgeht und stattdessen die Frage des Zugangs zu einem Werk am Anfang des künstlerischen Prozesses steht.

Anhand ausgewählter Performances skizzierte Nina Mühlemann, wie Kunst von Menschen mit Behinderungen genutzt wird, um aus den engen (Wissens)Räumen auszubrechen, die um sie herum errichtet und ihnen zugewiesen werden. Nina Mühlemann zeigte Bilder aus verschiedenen Bühnenwerken, die sich an nicht normativen Körpern orientieren. Es ging dabei um Performances, welche Audiodeskription, Gebärdensprache und andere Formen von Assistenz einbeziehen, um somit auch ein Publikum mitzudenken, das sich oft ausgeschlossen oder zumindest nicht angesprochen fühlt.

Durch diese Sichtbarmachung eröffnet sich eine Ästhetik des Zugangs («Access Aestetics»), welche die Grenze zwischen «nichtbehindert» und «behindert» destabilisiert und neue Horizonte eröffnet. Nina Mühlemann selbst liess uns als Publikum diese Öffnung nachvollziehen, indem sie uns dazu aufforderte, die gezeigten Performance-Bilder verbal zu beschreiben. Die Übung zeigte, wie unterschiedlich diese Bilder von uns gesehen werden bzw. wie unterschiedlich unsere Lesarten und Wahrnehmungsfähigkeiten sind. Sie verwies auf ein Spektrum an verkörperten Perspektiven, Zugängen und Möglichkeiten und darauf, wie sehr wir alle auf Assistenz angewiesen sind, wenn wir die Welt in ihrer Vielfalt erfahren und «lesen» lernen wollen.

Gesprächsrunde, moderiert von Serena Dankwa

Vier Workshops

Im Anschluss an das Impuls-Referat begaben sich die Studierenden in vier Workshops, in denen verschiedene Ansätze für eine diversitätssensible Alltags- und Unterrichtspraxis erprobt und diskutiert wurden. Die folgenden subjektiven Kurzbeschreibungen geben Einblicke in die Workshops, ohne sie in ihrer Gesamtheit erfassen zu können.

Firma für Zwischenbereiche
Olivia Suter und Ute Sengebusch


In einem schweigenden Wahrnehmungsspaziergang in der Umgebung um den Campus Brugg-Windisch ging es darum, den Ort bewusst wahrzunehmen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen, die nicht von vorgefassten Bildern und Kategorien, sondern von sinnlichem, nicht-rationalem Wissen ausgeht. Handys kamen nicht mit auf diesen Spaziergang, der ganz und gar dem Sammeln von (klanglichen) Eindrücken gewidmet war. Dieses Ausgangsmaterial bildet die Grundlage, um in einen kreativen Prozess zu kommen, der neue Geschichten und Erzählformen (etwa begehbare Klanginstallationen und Performances) hervorbringen kann – ein längerer Prozess, den Olivia Suter und Ute Sengebusch bisher u.a. mit Jugendlichen verschiedenster sozialer und geographischer Herkünfte erfolgreich beschreiten konnten. In seiner Kürze hat der Workshop auch aufgezeigt, wie «befremdlich» es sein kann, auf die eigene Wahrnehmung zurückgeworfen zu sein und wie sensibilisierend, kreativ und befreiend gerade diese Befremdung und Ungewissheit auf uns wirken kann.

Kadiatou Diallo

Anhand eigener Kunstprojekte hinterfragt Kadiatou Diallo, was hier und heute in der postkolonialen Schweiz als natürlich oder normal betrachtet wird bzw. normalisiert worden ist. Sie lässt dabei Studierende selber erarbeiten, welche Unterscheidungskategorien für ihr Leben und ihren Schul- und Studienalltag relevant sind und wie sie sich darin positionieren. Dabei wird klar, dass «normal» lediglich das ist, was sich in einem bestimmten Kontext als Standard etabliert hat. Etwa die Vorstellung, die Schweiz sei weiss und neutral und habe keine kolonial-geprägte Vergangenheit – eine zum Schweigen gebrachte Geschichte, die sich teilweise noch immer in dem kolonialrassistischen Gedankengut in Schweizer Schul- und Kinderbüchern manifestiert. Auf der Suche nach neuen Selbstverständlichkeiten, die bereits von einer grossen Vielfalt ausgehen, wird klar, wie aufmerksam wir einander zuhören müssen, um starre Normen zu überwinden und dem zum Schweigen gebrachten Raum geben können.

Nina Mühlemann und Edwin Ramirez

Der Anspruch, möglichst vielen Menschen Teilhabe und Zugang zu ermöglichen, stellt uns vor komplexe und zum Teil scheinbar unlösbare Fragen. Etwa, wenn ein Raum sowohl für Kinder bzw. deren Eltern als auch für Menschen mit Konzentrationsschwierigkeiten zugänglich sein soll oder wenn sowohl der Assistenzhund einer sehbehinderten Person als auch die Hundeallergikerin darin Platz finden soll. Im Wissen darum, dass Imperfektion zum Leben gehört, haben Menschen mit Behinderungen gelernt, unaufgeregt und improvisierend mit solchen konkurrenzierenden Zugangsbedürfnissen umzugehen. Nina Mühlemann und Edwin Ramirez ermutigen dazu, sich diesen Zugangsparadoxien zu stellen und die dazugehörigen Aushandlungsprozesse, gerade auch an Schulen, als kreative Lernprozesse zu verstehen, statt in der Komplexität der Fragen zu erstarren und gar nichts zu unternehmen. Unorthodoxe Lösungen finden sich am ehesten dann, wenn die Expertise der Betroffene selber an/erkannt und (gegen Entlöhnung) konsultiert wird.

Nadja Baldini

Unter dem Motto «Useful Art» stellte Naja Baldini die Herangehensweisen verschiedener Kunstprojekte vor, die sich aktuell in kulturelle, politische und soziale Machtstrukturen einmischen. Angetrieben von der Frage, welche Räume und Anordnungen Diversität begünstigen können, ging es darum, sich gemeinsam einem kritischen Verständnis von Diversity anzunähern und dieses im Raum sichtbar zu machen. So wurde aus dem Brainstorming rund um den Begriff der Diversität eine interaktive Klangskulptur. Aufbauend auf der Gründung des Vereins Club La Fafa in Zürich, dessen Ziel es ist, mittels Auftritten in Kultur- und Bildungsinstitutionen einen Austausch zwischen Kunstschaffenden, Geflüchteten und einem weiteren Kreis von interessierten Personen zu schaffen, regte der Workshop dazu an, Diversität mit einfachen, künstlerischen Methoden im Schulkontext zu thematisieren und erfahrbar zu machen.

Fazit

Das Kolloquium hat dazu ermutigt, einen lustvollen Umgang zu entwickeln mit den Fragen, die sich uns stellen, sobald wir möglichst allen Menschen Zugang und Teilhabe ermöglichen wollen. Hinter den Herausforderungen und Zugangsparadoxien verbirgt sich oft ein grosses kreatives Potenzial, das uns Räume neu anordnen und gestalten lässt. Um dieses transformierende und ästhetische Potenzial umsetzen zu können, müssen wir gerade auch als Lehrpersonen «Ver_hinderungen» erkennen und strukturelle Benachteiligungen und Privilegien gezielt angehen. Die Angst, dabei Fehler zu machen, ist «normal» und soll uns nicht davon abhalten aktiv zu werden. Umgekehrt haben Menschen, die tagtäglich mit Hindernissen und subtilen Ausgrenzungen konfrontiert sind, auch ein «Recht» darauf, wütend zu sein. Um als Lehrpersonen produktiv reagieren und auf Kritik eingehen zu können, gilt es nicht nur, unsere eigenen Selbstverständlichkeiten zu reflektieren, sondern auch eine Fehlerkultur zu entwickeln – im Wissen darum, dass das Leben nie perfekt ist, aber dass jeder kleine Schritt zählt, auf dem Weg zu einer gleichberechtigteren Vielfalt.

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