Atelier: Undoing Identities. Narrationen des Selbst (2017)
Im Zentrum des Ateliers stand die Beschäftigung mit biografischen Geschichten (stories). Die von den (meisten) Teilnehmenden selbst eingebrachten Geschichten erzählten von einem persönlichen Moment, in dem Ausgrenzung, Marginalisierung und/oder Diskriminierung erfahren (oder miterlebt) wurde und fokussierten auf die eigene Involviertheit als Täter*in und/oder Opfer, als Zuschauende und/oder betreuende Person.
Nach einer intensiven Kennenlernsituation wurden diese Geschichten in Kleingruppen nacheinander vorgelesen, betrachtet und gemeinsam verhandelt. In einem zweiten Schritt brachten die Kleingruppen die Geschichten mit den zur Verfügung gestellten Materialien und mit Hilfe unterschiedlicher Werkzeuge verändert, d.h. ge’queert‘, in Bewegung.
In unserem Zusammenhang heisst Critical Diversity Literacy, eine «Lesefähigkeit» zu entwickeln, die in der Geschichte mehr oder anderes sichtbar macht als auf den ersten Blick in ihr aufzufinden scheint. Es geht folglich darum, sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Strukturen zu entdecken, Repräsentationen von Erlebtem zu dechiffrieren und erzählbar zu machen. Und weil Geschichten nie abgeschlossen sind, suchten wir nach Zwischenräumen, um ein anderes Lesen und Handeln darin möglich zu machen.
Die folgenden Werkzeuge wurden hierfür in den Kleingruppen ausprobiert und (weiter-)entwickelt:
- Queering: d.h. Blickwechsel vollziehen, beginnend mit dem genauen Hinhören und dem präzisen Benennen eigener Positionierungen in der Geschichte (also ein Wegkommen vom Othering hin zum Queeren), gängige Interpretationsmuster unterwandern, und unorthodoxe Lesarten entwickeln.
- Vorgeschichten sichtbar machen, d.h. das, was geschehen war, damit diese Geschichte real werden konnte imaginieren bzw. die Geschichte hinter der Geschichte entschlüsseln.
- Kontexte bestimmen, d.h. fragen, was historisch, sozial, kulturell, gesellschaftlich passiert, bevor diese Geschichte real werden konnte?
- Unsichtbares erkunden, d.h. fragen, welche «Geschichten» in der Geschichte nicht erzählt, vielleicht gar nicht erzählbar sind.
- Den Nachgang der Geschichte imaginieren bzw. weiterzuspinnen, welche unvorhersehbaren Wendungen die Geschichte auch nehmen könnte.
- Geschichten bewegen, indem unterschiedliche Geschichten miteinander in Bezug gebracht werden.
In der Abschlusssequenz wurden die Erfahrungen in dieser «Laborsituation» mit Blick auf das Weiterbildungsarrangement für Hochschullehrende reflektiert.
Zentrale Erkenntnisse:
- Gefühltes ist politisch – Affekte werden hier nicht um der Gefühle willen provoziert, sondern um Missstände in Bewegung zu bringen. Es geht um einen bewussten Umgang mit Gefühltem ohne Gefühlsduselei, z.T. als Überlebensgrundlage (A. Lorde): was musste ich von mir abspalten, um gewisse Dinge nicht an mich heranzulassen.
- Auffallend war: Rassisierung/Herkunft sind zentrale Kategorien in vielen der Geschichten.
- Schwierigkeiten im Umgang mit Geschichten: Drang zu Harmonisierung, Viktimisierung, Viktorisierung, Singularisierung, Problematisierung, Exotisierung, Fetischisierung. Eben jene gängigen Praxen des Umgangs mit Differenz und Repräsentationsregime (vgl. Hall 1996) will Critical Diversity Literacy durchkreuzen, indem kontraintuitive Betrachtungsweisen evoziert werden.
- In unserem Weiterbildungsarrangement sollten genau diese Momente fragwürdig werden, d.h., es müsste die Frage verhandelt werden, was es bedeutet, dies alles nicht zu tun, um in der Hochschullehre gelebte Diversität zu ermöglichen. (vgl. Hall: weder Einverleibung negativer Stereotypen, noch Versuch der Umkehrung zu positiven Bildern in derselben Logik/«reverse stereotypes»).
- Im Kontext unserer Lernbewegung zu Diversity soll das Spannungsfeld zwischen (eigenem) Empfinden von «Un-Gerechtigkeit» (Emotionen, die ihre Berechtigung haben) und den grösseren Strukturen und Asymmetrien, in die wir geboren sind, in Sichtbarkeit gerückt werden. In Verhandlung gebracht werden soll die Frage, welche Ver-Antwortung wir haben und wie wir diese wahrnehmen und politisch wenden können, statt in Scham- und Schuldgefühlen zu verharren.
- Erste Ideen der Übersetzung in den Hochschulkontext: Welche Geschichte kommen hier vor, welche nicht, weil nicht erzähl- oder vorstellbar in unserem jetzigen Hochschulkontext? Könnten sie trotzdem möglich sein, wären sie vielleicht schon vorhanden in anderen Hochschulkontexten?
- Weiterbildung ist keine hochschuldidaktische (Individual-)Massnahme zur Schulung und Vermittlung von interkulturellen Kompetenzen, sondern eine kollektive Selbst«beforschung» bzw. forschende Selbstverständigung (mit methodischem Instrumentarium). Eine Suchbewegung mit dem Ziel der Entwicklung und Verbesserung von Lehr- und Studienbedingungen an der Hochschule. Lesen lernen heisst dann «Er- und Beforschung» von institutionellen und strukturellen Ein- und Ausgrenzungsmechanismen in sog. Laboren, damit die Verteilung und Sicherung von Privilegien, Diskriminierungs- und Marginalisierungsprozessen neu verhandelbar gemacht werden kann.