Digital Literacy: Labor (2017–2020)

Das Projekt entstand aus der zunehmenden Notwendigkeit, innerhalb des Instituts für Weiterbildung und Beratung Fragen zum Umgang mit dem Digitalen zu bearbeiten.

Im Labor wurden neue Erfahrungen und neue Wissensstrukturen zu den bildungs- und weiterbildungsrelevanten Phänomenen der Digitalisierung generiert. Dabei interessierten uns insbesondere handlungsleitende und gesellschaftsformende Dimensionen, die das Digitale als Kulturelemente in unsere Realitäten einbringen (Kultur der Digitalität, Stalder 2016). Im Labor kamen die Prinzipien der Agilität zum Einsatz: Man entwickelt kleine Teile, holt früh Feedback ein, testet, verändert, entwickelt weiter. Man beschreibt den Weg und nicht das Ziel.

Die Videoarbeit (produziert mit Samuel Dématraz) nimmt das Thema der Kultur der Digitalität und die damit verbundenen politischen Herausforderungen auf und bearbeitet es in einem künstlerischen Format.

Zum Einstieg in einen Workshop mit Teilnehmenden aus der Hochschule wurden drei Avatare entwickelt, die einen Rahmen für den Themenbereich der «Digital Literacy» setzten.

Der in den 1990er Jahren eingeführte Begriff «Digital Literacy» wird pointiert als «Mastering Ideas not Keystrokes» (Gilster 1997) zusammengefasst. Die durch die Digitalisierung notwendigen Suchbewegungen beschränken sich dabei nicht nur auf den Umgang mit komplexen technologischen Herausforderungen und damit auf die Frage, welches technische Wissen Voraussetzung für einen mündigen Umgang mit dem Digitalen ist. Relevant wird darüber hinaus der reflexive Umgang mit gesellschaftlichen Transformationen und folglich die Frage, wie sich alltägliche Interaktionen, kulturelle, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge durch das Digitale im 21. Jahrhundert verändern (Stalder 2016). Vor diesem Hintergrund sprechen Experten von Digital Literacies im Plural (Lanshear/Knobel et al. 2008) und akzentuieren damit die Notwendigkeit von multiperspektivischen Zugängen zum «Lesen» von soziokulturellen Phänomenen. 

Im Kontext des Digitalen verweist der Begriff «Literacies» über die Dimension der Lese- und Schreibkompetenzen hinaus auf das «Verstehen können von Informationen in ihren verschiedenen Arten der Erscheinung» (Lanham 1995). Der produktive Umgang mit den multimedialen und multi-dimensionalen Gestalten des Digitalen und die agilen und fluiden Denk- und Umsetzungsbewegungen von einem Medium ins andere sind Grundvoraussetzung für Hochschullehrende und Studierende, um komplexe Bilder, Sounds und syntaktische Nuancen von Wörtern und Zusammenhängen lesen zu können (vgl. Lanham). Nur mit solchen Digital Literacies ausgestattet können Hochschullehrende und Studierende Entscheidungen treffen, mit welchen Medien wie zu informieren ist und welche Fragmente und Bytes wie miteinander in Beziehung gebracht werden müssen, um Handlungsfähigkeit zu ermöglichen und Kontexte lesbar zu machen.  

Neue Marginalisierungen und Ausgrenzungen in der Hochschullehre
Vielfältige Untersuchungen zeigen, wie im Kontext des Digitalen neue Formen von Diskriminierung, Marginalisierung und Ausgrenzung relevant werden, die mit Blick auf Chancengerechtigkeit (nicht nur) an Hochschulen reflektiert werden müssen (Smythe 2018). Die Reflexion dieser neuen Ein- und Ausschlussmechanismen, die über gesteuerte und ungesteuerte Information und Des-Information zirkulieren, ist ohne kollektive und interdisziplinäre Foren des Dialogs kaum bearbeitbar. In diesen Foren gilt es, die Fragmente auf ihre Ursprünge und Kontexte disziplinspezifisch und – in ihren Verbindungen mit anderen Fragmenten – disziplinübergreifend zu überprüfen. Hierbei gilt es die rasante Entwicklung neuer digitaler Tools auf ihre ethischen und gesellschaftlichen Dimensionen hin kritisch «lesen» zu lernen. Vor diesem Hintergrund werden neue Critical Digital Literacies erforderlich, mit denen hegemoniale Praktiken im digitalen Hochschulalltag erst erkennbar, übersetzbar und interpretierbar werden. Als bislang nicht reflektierte Desiderata bergen sie das Potential, neue diversitätsorientierte und heterogenitätssensible Handlungsoptionen zu eröffnen.

Um die gesellschaftlichen Dimensionen der Diversität im Digitalen zu bearbeiten, setzen wir das Konzept der «Critical Diversity Literacy» (CDL) als eine orientierende Rahmung ein. Dieses von Melissa Steyn entwickelte Reflexionsinstrument fokussiert auf das «Lesen und Verstehen» der aus Machtverhältnissen erwachsenen Identitäten und kulturellen Repräsentationen. Die hieraus zu gewinnenden Erkenntnisse ermöglichen tiefe Einsichten in vorhandene Normalitäts- und Differenzordnungen und eröffnen Perspektiven für deren Neuverhandlung und -gestaltung:

«Critical diversity literacy‘ can be regarded as an informed analytical orientation that enables a person to ‚read‘ prevailing social relations as one would read text, recognizing the ways in which possibilities are being opened up or closed down for those differently positioned within the unfolding dynamics of specific social contexts.» (Steyn 2015)

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