DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft)-Kongress «Bewegungen» (2018)

Beitrag: Critical Diversity Literacy – Spannungslagen und Herausforderungen in internationalen Forschungskooperationen zum Thema Diversity 

Am Beispiel einer konkreten internationalen Forschungskooperation gingen Melissa Steyn, Ulla Klingovsky und Georges Pfruender der Frage nach, welchen Beitrag die kritische Lesefähigkeit (CDL) für die internationale Forschungskooperation leisten kann, wie sie weiterentwickelt werden soll und welche Effekte hieraus für andere Forschungs- und Bildungspraxis gewonnen werden können.

Abstract

«Verschiedenheit» und «Vielfalt» sind vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen
Transformationsprozesse der vergangenen Dekaden, unter anderem hervorgerufen durch
Flucht und Migration, zu einer pädagogischen Herausforderung auf verschiedensten Ebenen
internationaler Bildungssysteme geworden. Kernidee der Diversity-Diskurse ist die
«Anerkennung der menschlichen Vielfalt und Pluralisierung der Lebensformen in ihren
individuellen, sozialen und politischen Dimensionen» (Rosenstreich 2011, S. 232). Bekannt ist gleichzeitig, wie in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen diverse Grundrechte
hinterfragt, Partizipationsmöglichkeiten und gesellschaftliche Teilhabe beschränkt und
Formen von Vielfalt und Andersartigkeit lediglich eingesetzt werden, um das «Eigene» zu bereichern (vgl. Purtschert/Lüthi/Falk 2012). Darüber hinaus zeigen empirische
Untersuchungen zu strukturellem Rassismus und Forschungen zu Exklusionsmechanismen
im Bildungssystem, dass die (An)Erkennung von Diversität längst noch keine gelebte Praxis
ist (vgl. Bader/Fibi 2012; Becker/Jäpel/Beck 2013; Haenni Hoti 2015). Im Gegenteil: Diese
Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die gesellschaftlichen Herstellungsprozesse, die
(ungleiche) Differenzen erzeugen, noch nicht ausreichend erhellt und Fragen der
Anerkennung von und der produktive Umgang mit Diversität nicht abschliessend geklärt sind
(vgl. Gomolla/Radtke 2007). Insbesondere in staatlichen Bildungseinrichtungen stellt sich die
Frage der (An)Erkennung von Diversität in besonderer Schärfe, nicht zuletzt wegen der
Gerechtigkeits- und Demokratievorstellung, die ihrem gesellschaftlichen Bildungsauftrag
zugrunde liegt.

Vor diesem Hintergrund ist die internationale Forschungskooperation zwischen einer
Pädagogischen Hochschule des «Globalen Norden» und einer südafrikanischen Universität
angesiedelt. Diese interkulturelle Zusammenarbeit kann Räume eröffnen, in denen
unterschiedliche soziale und kulturelle Positionen aufeinandertreffen und Bewegungen
anstossen, die mehr oder weniger konfliktuell miteinander verhandelt werden müssen (vgl.
Sternfeld 2013). Auf der Grundlage dieser Spannungsfelder stehen deshalb die Fragen im
Zentrum,

  • welches Wissen und welche Fähigkeiten Forschende im Umgang mit Verschiedenheiten entwickeln müssen, um Differenz als Produktivkraft wahrnehmen und kreativ neues Wissen erschaffen zu können und
  • wie diese Fähigkeiten für die Bildungspraxis, insbesondere für die Aus- und Weiterbildung auf der Tertiärstufe, genutzt werden können.

Diese Fragen werden im Rahmen des geplanten Symposiums, basierend auf den
Erfahrungen der Forschungskooperation aus zwei übergreifenden theoretischen
Perspektiven, erörtert: Zum einen stellt das im Kontext der Post-Apartheids-Entwicklungen in
Südafrika entwickelte Konzept einer Critical Diversity Literacy (CDL) eine Analysefolie dar.
Unter CDL ist die analytisch informierte Fähigkeit zu verstehen, unterschiedliche
gesellschaftliche Positionierungen und die damit verbundenen Privilegien oder
Benachteiligungen (an)zuerkennen, d.h. wahrzunehmen und verhandelbar zu machen
(Steyn 2015). In diesen (An)Erkennungsprozessen werden gesellschaftliche
Machtverhältnisse, prozessierte Differenzen und damit verbundene Konflikte nicht
ausgeblendet, sondern vielmehr einer kritischen Analyse unterzogen und auf ihre Effekte in
konkreten Situationen hin befragt.

Zum andern geht das Symposium spezifisch auf die transnationalen Beziehungen ein, die in Form von «Kontaktzonen» Verhandlungsräume eröffnen und gleichzeitig einen theoretischen Rahmen bieten, kolonial-asymmetrische Machtverhältnisse zu analysieren (Pratt 2008).

Die Beiträge skizzieren diese theoretischen Referenzpunkte, stellen sie in Bezug zur
Forschungskooperation und erörtern, inwiefern und auf welche Weise sie im Kontext von
Hochschullehre, Weiterbildung und Kulturvermittlung zur Entwicklung einer Critical Diversity
Literacy nutzbar gemacht werden können.

×